Das Yoga-Gen

 

Yoga & das Marfan Syndrom

Macht Yoga wirklich grenzenlos flexibel? Wie viele Yogis auf dem "high class level" haben in Wirklichkeit ein "Schlangenmensch-Gen" bzw. das Marfan-Syndrom von Geburt an? Wo sollten Yogalehrer/innen Verantwortung zeigen und ihre hypermobilen Schüler/innen durch kräftigende Yogaübungen eher muskulär stabilisieren als noch mehr Gewebsschäden durch den "Dehnungswahn" zu fördern?

 

Ob beim Yoga, Ballett, rhythmischer Sportgymnastik, beim Tanz oder im Zirkus, in kaum anderen Sportarten findet man so viele Menschen, die sich verbiegen können, als hätten sie Knochen aus Gummi.

Frustrierte Schüler/innen versuchen verzweifelt ihren Lehrern/innen die Übungen nachzumachen und scheitern doch nur zu oft. Sieht es doch so spielerisch einfach aus, rutscht die Ballettlehrerin mal eben unaufgewärmt in den Spagat oder vollführt der Yogalehrer locker den Lotussítz. Was dem Lehrer einfach fällt, kann nicht nur zu Frust bei seinem Schüler führen, sondern auch zu ernsthaften Verletzungen. Zerrungen sind noch die harmloseste Variante, Abrisse der Adduktoren, gerissene Bänder und Sehnen sind dem gewiss, der seine Grenzen nicht kennt und dessen Lehrer/in auch zu unwissend ist und es einfach nicht verstehen kann, dass nicht jeder von Geburt einen Gendefekt hat, der einen dazu befähigt unphysiologische Verbiegungen zu vollführen. Viel schlimmer noch, dass der Yoga- und Ballettlehrer meist selbst nichts vom eigenen Gendefekt weiß. Sie glauben, weil es für sie seit Kindestagen normal war so gelenkig zu sein und Mutter und Vater ebenfalls Finger, Beine, Wirbelsäule usw. verdrehen konnten, dass es eine nette "Normvariante" der Natur sei.

Weit gefehlt! Unter Zirkusleuten ist es nicht grundlos verboten sich ausserhalb vom Zirkusmilieu zu verheiraten. Sie haben die Ahnung, dass sich das Schlangenmensch-Gen vereben lässt. "Fremdes Blut" ausserhalb des Zirkusmilieus würde auf Dauer das Gen aussterben lassen und somit das Zirkusgeschäft kaputt machen.

Ob man es nun liebevoll "Schlangenmensch-Gen" oder "Zirkus-Gen" nennen möchte oder die medizinisch korrekte Form "Marfan Syndrom" nutzen möchte, bleibt wohl jedem selbst überlassen.

Das Marfan Syndrom kommt in seiner Ursprungsform, wo man den Leuten auf den ersten Blick ansieht, dass etwas nicht stimmt nur sehr selten vor. Sie sind groß, haben unnormal lange Extremitäten, ihre Finger sind ebenfalls sehr schmal und lang (sogenannte Spinnenfingrigkeit) und oft haben sie schwere Verkrümmungen der Wirbelsäule (z. B. Skolliose), ihr Brustkorb ist oft auch deformiert (Trichter- oder Kielbrust). Sie bauen kaum Muskeln auf und sind schnell erschöpft, daher sind sie sehr dünn. Auch ist oft eine Beteiligung der inneren Organe mit dabei, das Gewebe ist auch hier zu dehnfähig und es kommt zu Ausbeulungen beispielsweise des (Dick-)Darms (Megakolon). Somit ist klar, dass diese Menschen mit dem Vollbild des Marfan Syndroms kaum im Yogastudio oder in der Akrobatik anzutreffen sind. Sie sind muskulär so schwach, dass sie den hohen muskulären Ansprüchen kaum standhalten könnten. Auch reissen so häufig oberflächlich Blutgefäßchen ein, dass sie wohl nach einer solchen Sporteinheit mit blauen Flecken übersäht wären oder gar noch schlimmer Arterien eingerissen (dissektiert) wären. Auch ist die Gefahr bei der Ursprungsform des Marfan Syndroms ein Aortenaneurysma zu bekommen so hoch, dass diese Menschen sich tunlichst von solchen Sportarten fernhalten.

Tja, aber was ist mit den ganzen Unterformen dieses Syndroms, zu erwähnen seien auch Formen von Ehlers-Danlos- oder auch Loes-Dietz-Syndrome? Diesen Menschen sieht man nicht immer auf den ersten Blick an, woran sie leiden. Oft sind es auch extrem schöne Menschen, hochgewachsen, zierlich, puppenhaftes Gesicht, lange schmale Beine, die Muskulatur mäßig ausgeprägt, was sehr weiblich trotz Schlankheit wirkt. Sprich, ich als Modedesignerin weiss, dass es etliche Models gibt, die wohl auch marfanoid sein müssen.

Auch muss nicht bei jeder Form von Marfan, Ehlers Danlos und wie sie alle heissen, eine (gravierende) Gefäßbeteiligung mit dabei sein. Im Vordergrund steht eine mal mehr oder auch weniger ausgeprägte Hypermobilität. Aber auch nicht unbedingt an allen Gelenken. Manchmal sind die kleinen Gelenke mehr betroffen (Finger und Zehen), manchmal die großen, wie die Knie, Ellenbogen, Hüfte und Co. Manchmal auch alle, aber vielleicht nur mäßig hypermobil, so dass es nicht mal dem Orthopäden gleich auffällt. Und hier fängt es an kompliziert zu werden. Was machen Menschen, die gar nicht wissen, dass sie krank sind und nun merken, sie bekommen in einer Sportart wie Yoga oder Ballett oder beim Tanz viel Lob und Anerkennung? Das schnelle Fortkommen in der Sportart macht ihr Belohnungssystem schier süchtig nach noch mehr Lob. Und so bauen diese Menschen ihre "Fähigkeiten" immer mehr aus. Es entsteht ein regelrechter Dehnungs- und Präsentierungswahn. Eine Show jagt die nächste.

Und auf einmal treten die ersten negativen Folgen auf. Im schlimmsten Fall löst der harte Sport eine Linsen- und/oder Irisluxation aus. Von nun an wackelt (schlottert) die farbige Iris bei jeder Kopfbewegung hin und her. Oder es reisst eine Halsarterie von innen ein (Dissektion) und auf einmal bekommt man schlaganfall-ähnliche Symtome, wie Taubheiten in Armen, Beinen und Gesicht. Gerät man dann noch an einen überforderten Arzt im Krankenhaus findet dieser in der Bildgebung nicht mal die Dissektion, weil dafür müsse der Patient ja eine angeborene Störung des Bindegewebes haben und diese liegt ja scheinbar nicht vor... Im schlimmsten Fall ist der Patient nun "psycho" und wird an einen Therapeuten verwiesen, der selbstverständlich keine Linderung bringen kann!

Und so appelliere ich an alle Yogalehrer/innen dieser Welt weder bei sich selbst noch bei seinen Schülern den Dehnungswahn ins Extrem ausarten zu lassen! Bemerkt man schon in der ersten Stunde, dass sein Schüler extrem dehnfähig ist muss man erst mal den Fokus auf die muskuläre Stabilisierung legen, bevor man etwas Dehnung (die sich im Yoga nicht vermeiden lässt) mit hinzu nimmt. Yoga hat durchaus auch Stabilisierungsübungen, zu erwähnen seien hier der Stuhlsitz oder das Boot und etliche mehr. Manchmal dauert es auch einige Zeit zu erkennen, dass sein Schüler mehr als nur etwas hypermobil ist. Ein Gespräch, um Nachfragen zu klären, ob bestimmte Phänomene gehäuft in der Familiengeschichte auftauchen, kann letzte Unsicherheiten beim Yogalehrer ausräumen. Auch das gehäufte Auftreten von Leistenbrüchen und Wundheilungsstörungen innerfamiliär kann Hinweise auf das Vorliegen des Marfan-Syndroms geben. Schaut man sich seinen Schüler mit Bedacht und den Regeln des Ayurvedas an, so kann man Bindegewebsschwächen schon am Hautbild feststellen. Eine extrem weiche und durchschimmernde, dünne und empfindliche Haut ist ein weiteres Zeichen für das Vorliegen des Gendefektes. Auch wenn das Weisse des Auges bläulich schimmert (blaue Skleren aufweist) ist das ein deutliches Zeichen.

Meine persönlichen Forschungen haben im Übrigen ergeben, dass das Auftreten einer ausgeprägten Bindegewebsproblematik, wie sie bei Marfan vorherrscht in Verbindung mit einem allgemeinen endokrinen Problem stehen muss. So ist es für mich nicht verwunderlich das beispielsweise die Erbkrankheit MEN (multiple endokrine Neoplasie) den marfanoiden Habitus aufweist. Die Schilddrüse ist so verdächtig häufig mit im Spiel bei diesen marfanoiden Patienten und auch andere endokrine Probleme und endokrine Tumore sind häufig vorhanden, dass es einen eindeutigen Zusammenhang geben muss! Alleine die Körpergröße und die zu langen Extremitäten sind doch eigentlich Beweis genug, dass die Hypophyse (Hirnanhangsdrüse) überaktiv Wachstumshormone ausschüttet... Und auch gerade eine kranke Schilddrüse ist bekannt dafür, schwaches Bindegewebe zu machen. Eine Überfunktion der Schilddrüse würde des weiteren erklären, wieso eine hohe Dehnfähigkeit vorliegt. Denn ist einem warm und hat man durch die feuernde Schilddrüse eine erhöhte Grundtemperatur, so ist man auch schon ohne aufwärmen deutlich dehnfähiger als andere mit einer normal funktionierenden Schilddrüse. Die Frage, welches Geschlecht mehr betroffen ist, liegt auch nahe. Frauen haben von naturaus aufgrund ihrer anderen Hormonlage ein schwächeres Bindegewebe. Und schon wieder zeigt sich der Zusammenhang zwischen Hormonen und dieser Erkrankung.

Auch habe ich das Verhalten dieser Menschen analysiert und kann allgemein sagen, dass diese Menschen hochsensibel und auch verspielter Natur sind. Ewige Kinder oder Scherzbolde könnte man sie auch liebevoll nennen, was nicht heissen soll, dass sie nicht reflektiert sind oder "den Ernst" so mancher Lage nicht verstehen.

So schwach und empfindlich ihr Gewebe ist, so sensibel und empfindlich ist auch ihr Gemüt. Im Positiven Sinne sind Marfan-Menschen sehr kreative, gefühlvolle und mitfühlende Naturen. Auch aufgrund ihrer Leidensgeschichte sind diese Menschen wohl hochsensibel geworden. Wird man doch zwangsläufig depremiert, wenn man nirgends verstanden wird oder mit all seinen (in meinen Augen ernstzunehmenden) "Wehwehchen" als Hypochonder oder gar psycho abgestempelt wird. Nein, ein dickes Fell haben diese Menschen wahrlich nicht und es geht auch nicht darum in der Behandlung ihnen einen äusseren Panzer anzutrainieren. Yoga und Ayurveda kann auf anderer Ebene helfen, ohne die sensible Natur auslöschen oder ummodellieren zu wollen. Yoga kann helfen sich bewusst von äusseren Einflüssen in seine eigene Welt zurückziehen zu können und somit bösen Worten der Aussenwelt zu entgehen. Aus ayurvedischer Sicht sind diese Menschen von viel Vata und auch Pitta geprägt. Beide Doshas hochflexibel. Was ihnen fehlt ist der stabilisierende und erdende und aufbauende Faktor des Kaphas. Wir wollen versuchen durch Kapha-erhöhende (also muskelaufbauende und stabilisierende) Yoga-Übungen und einer kapha-erhöhenden ayurvedischen Lebensweise dieser leidvollen Erbkrankheit zu begegnen. Natürlich darf man im Yoga auch in seinem Element bleiben und sich in seiner Vata-Pitta- (oder auch Pitta-Vata-) Natur wohlfühlen und aufleben. Die Mischung macht's! Vor allen Dingen darf man in meinen Kursen spüren, dass man so sein darf, wie man von Natur aus ist. Ich akzeptiere Dich und Dein wahres Wesen. Authentisches Verhalten ziehe ich gekünsteltem und unehrlichem Benehmen immer vor.

Übrigens lässt sich auch aus ayurvedischer Sicht meine Theorie der Vergesellschaftung von hormonellen Begleiterkrankungen bestätigen, da hormonelle Dysbalancen immer ursächlich auf einer Pitta-Störung beruhen. Und ein zuviel an Pitta macht neben dem erhöhtem Vata eine große Beteiligung an dieser Störung aus.

 

Was mir seit kurzem klar ist, dass man trotz chronischer, nicht heilbarer Krankheit nicht in seinem Leid untergehen darf und sich nicht in seiner Krankheit verlieren soll. Aufgeben gibt's nicht! Ich möchte an alle appellieren, die egal an welcher chronischen Krankheit leiden, sich nicht unterkriegen zu lassen, sondern das Gute im Leben sehen. Sich über jeden Tag und Stunde, der/die mal symptomfrei ist freuen. Bewusst genießen, wenn man eine gute Phase hat. Viel bewusster und intensiver leben, als der Rest der Welt. Und ganz wichtig: NICHT immer sein Leid sich präsent machen und die Gefahr, früh zu sterben oder dass man vielleicht nie eigene Kinder bekommen kann, NICHT als Hölle auf Erden zu empfinden.

Ich kann nur sagen: Hey, in Indien ehrt man Menschen mit dem "Yoga-Gen", anstatt sie wie hier als wertlos für die Gesellschaft abzustempeln. Man sagt in Indien, sie sind von Gott gesegnet worden mit dieser göttlichen Fähigkeit. Nicht umsonst werden viele Yogis als Gurus hoch verehrt und bewundert! Der Umgang der Gesellschaft mit bestimmten Krankheiten macht für Betroffene viel aus und kann den Betroffenen die Scham vor der Krankheit nehmen, um sich in Zukunft nicht mehr abkapseln oder verstecken zu müssen!

Daher ist es völlig ok, dass "Yoga-Gen"- Menschen im Yoga, Ballett oder Tanz der "Normalbevölkerung" zeigen, was man von Gott mitbekommen hat. Natürlich nur, wenn man seine Grenzen kennt und es nicht in einen Dehnungswahn ausarten lässt und sich nicht bewusst dadurch schädigt.

Und noch ein Nachsatz: An alle Neider, die Sprüche bringen, wie: "Ja, Du brauchst ja nicht trainieren. Du hast ja von Natur aus die Begabung. Dann is es ja klar, dass Du das kannst, ohne etwas dafür tun zu müssen." ... Solchen Menschen kann man nur antworten, dass zum Yoga oder auch Ballett usw. mehr dazu gehört, als Marfan zu haben, liebe Neider dieser Krankheit! Denn die hohe Konzentrationsfähigkeit, die man braucht, um im Yoga z. B. auf einem Bein stehen zu können, während man das andere Bein hoch in die Luft hebt, hat nun wirklich nichts mit einer angeborenen Störung zu tun, sondern ausschließlich mit dem Training des Gleichgewichtssinns und dem Muskeltraining, und das über Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte! Zudem möchte mit Sicherheit niemand freiwillig diese Krankheit haben, nur um im Yoga "besser" zu sein als andere. Marfan ist kein Wunschkonzert. Man kann nicht nur die tolle Flexibilität haben ohne auch den oben beschrieben restlichen leidvollen Symptomkomplex!

 

 

Namaste, Juliane